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Nanomaterial: klein und unbedeutend?

Einst pure Science-Fiction, heute Alltag. Nanomaterial, vor allem Nanosilber wird für viele Produkte verwendet – von Kleidung bis Geschirr. Jetzt warnt eine BUND-Studie vor möglicher Gesundheitsgefährdung.


Nanomaterial: klein und unbedeutend?

Gefährlicher Glanz

Die Phönizier haben ihren Wein in Silberflaschen aufbewahrt, um Ihn länger frisch zu halten. Heute könnte Nano-Silber - zum gleichen Zweck genutzt - ein ernsthaftes Gesundheitsriskio darstellen. (Foto: Reuters)

 

Die antibakterielle Wirkung von Silber ist in der Medizin schon lange bekannt. Vor der Entwicklung der Antibiotika wurde es häufig gegen Infektionen eingesetzt. Ein silberner Dollar in der Milchflasche hielt die Milch ein paar Tage länger frisch. Sogar in vorchristlicher Zeit wussten die Phönizier um die Wirkung und bewahrten ihren Wein in Silberflaschen auf.

 

Auf molekularer Ebene könnten die antibiotischen Eigenschaften von Silber noch präziser genutzt werden. In Laborversuchen wurden Silbernanopartikel bereits bei der Bekämpfung von Cholera und Typhus erprobt.

 

Über verschiedene Produkte hat das Nanosilber Einzug in unseren Alltag gehalten. In Deutschland ist die tägliche Dosis Nanosilber leicht zu bekommen, denn in über 300 frei verkauften Produkten ist es bereits enthalten. Nanosilber steckt in medizinischer Zahnpasta, Seife und in Waschmitteln.

 

Eine Beschichtung mit Nanosilber sorgt dafür, dass sich Keime weder auf Computern, Anstrichen noch auf Türklinken ausbreiten. Wird Nanosilber in Textilien eingearbeitet, sollen dadurch Qualität und Komfort gesteigert werden, da die Kleidung weniger knittert, nicht so schnell schmutzig wird und weniger Gerüche annimmt, die durch Bakterien verursacht werden.

 

Aber das saubere Image der winzigen Kügelchen schwindet. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND), veröffentlichte im Dezember 2009 eine Studie zu möglichen Gesundheitsgefahren durch unerwünschte Nebenwirkungen von Nanosilber.

 

Dr. Heribert Wefers, chemischer Experte des BUND und Berater der Studie, erläutert das Risikopotenzial: "Es ist anzunehmen, dass eine großflächige Anwendung von Nanosilber in Textilien und Waschmitteln zu einer erhöhten Silberkonzentration im Abwasser führt. Silber ist nicht abbaubar, es wird sich ansammeln und den Klärschlamm verunreinigen." 

 

Wird dieser Klärschlamm dann als Flüssigdünger verwendet oder geraten Nanopartikel durch Verbandsmaterialien und Kleidung auf Deponien ins Ökosystem, werden die antibakteriellen Silberteilchen Keime und Mikroorganismen im Boden angreifen. Es hat sich herausgestellt, dass Silber für verschiedene Organismen wie Pilze, Algen, weitere Pflanzen und sogar Fische giftig ist.



Oder anders ausgedrückt: Geruchsfressende Nanosilber-Socken setzen bei der Wäsche Silberpartikel frei, die wiederum die guten Bakterien zerstören, welche biologische Stoffe abbauen und für fruchtbare Böden sorgen.

 

Die direkten Folgen für den Menschen könnten nach Aussage der Studie sogar noch ernster sein. Es gibt bereits Fälle erschwerter Wundheilung, sagt Wefers, weil beispielsweise schwere Brandwunden mit Nanosilber-Verbänden abgedeckt wurden. "Es ist eine erhebliche Gesundheitsbedrohung, wenn gefährliche Keime oder Bakterien Resistenzen entwickeln, nur weil Nanopartikel im Übermaß verwendet werden. Die wertvollste Eigenschaft des Silbers ginge damit verloren." 

 

2008 veröffentlichte das Queen’s Medical Research Institute der Universität Edinburgh eine ähnliche Studie: In ihr wird das Einatmen von Nanopartikeln mit dem Einatmen von Asbestfasern verglichen, die bekanntlich Krebs auslösen. Die Größe der Partikel beträgt nur ein Tausendstel vom Durchmesser eines menschlichen Haars: Sie könnten leicht durch Zellmembranen dringen oder sich von Blutgefäßen lösen und innere Organe oder das Gehirn zusetzen.

 

"Diese Nanopartikel könnten noch giftiger sein, da bei abnehmender Größe ihre Oberfläche proportional größer und dadurch wiederum viel reaktionsfähiger wird, weil sich mehr Atome auf der Oberfläche befinden", erklärt Gary Hutchison, stellvertretender Leiter des Zentrums für die Sicherheit von Nanomaterialien an der Napier University von Edinburgh.  

 

Das größte Problem ist die Tatsache, dass kaum ein Verbraucher absehen kann, wie viel Nanosilber oder andere Nanomaterialien er zu sich nimmt oder wie vielen er anderweitig ausgesetzt ist. 

 

Das muss sich ändern, sagt der BUND. Bereits 2008 warnte die Organisation davor, Lebensmittel wie Schmelzkäse oder Dosengemüse mit molekularem Titanoxid anzureichern.

 

Der BUND fürchtet Gesundheitsrisiken, auch wenn die Weltgesundheitsorganisation und die Welternährungsorganisation der UN den Verzehr dieser Lebensmittel für sicher halten. Während Titandioxid-Moleküle normaler Größe biologisch nicht aktiv sind, könnten ihre Nano-Gegenstücke DNA und Zellstrukturen schädigen und sich auf das Immunsystem auswirken.


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Aus diesem Grund fordert der BUND Verbraucheraufklärung. Damit ein Bewusstsein für diese Risiken geweckt wird, müssten Produkte, die Nanomaterialien enthalten, gekennzeichnet werden.

 

Doch viele Hersteller fürchten noch immer, dass sich der Nano-Boom in einen Nano-Flop verwandelt, also lassen sie ihre Kunden lieber im Ungewissen. Der BUND drängt deshalb die Regierungen, eine Kennzeichnungspflicht für Nanoprodukte einzuführen – ähnlich der Kennzeichnung für Gen-Food und genetisch veränderte Saaten.  

 

Soweit es Kosmetik-Produkte betrifft, war die Kampagne für mehr Transparenz bereits erfolgreich. "Ab 2012 muss die Verwendung von Nanomaterialien in Kosmetik durch den Zusatz ‚Nano‘ vor den entsprechenden Inhaltsstoffen angegeben werden. Wir hoffen, dass für die Lebensmittelbranche eine vergleichbare Lösung gefunden wird", sagt Wefers.

 

Autor: Bettina Fachinger

Veröffentlicht am: 25. Januar 2010

 
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