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Pandemien: Nur keine Panik

Wie gefährlich sind Pandemien? Sie können zu einer großen Bedrohung für die Weltwirtschaft werden, aber weniger für die Menschen. Das sagt Gunnar Miller, stellvertretender Leiter der Forschungsabteilung RCM, ein Unternehmen der Allianz Global Investors.


Pandemien: Nur keine Panik

Gunnar Miller, stellvertretender Leiter der Forschungsabteilung RCM

“Wir müssen uns ein bisschen mehr Sorgen um die Wahrnehmung der Menschen machen, als um die reale Bedrohung.“ (Foto: Allianz)

 

Der Medienrummel um die Vogelgrippe und SARS ist derzeit erst einmal vorbei. Sind Pandemien wie die Vogelgrippe und SARS jetzt unter Kontrolle?

Oh, sie sind aus den Nachrichten verschwunden, aber es ist nichts geschehen, was sie daran hindern könnte, erneut auszubrechen. Sie sind weiterhin eine Bedrohung, aber vermutlich nicht mehr als vor einigen Jahren. Es ist nur zu wenig passiert, worüber die Medien weiter berichten könnten.

 

Als SARS ausbrach, kritisierte die Weltgesundheitsorganisation die chinesische Regierung für die unzureichende Angaben gegenüber der Öffentlichkeit. Hat sich das verändert?

 

In gewissem Maße schon. Aber China hat eine Milliarde Menschen, daher ist es extrem schwer darauf vorbereitet zu sein, eine Situation dieses Ausmaßes kommunizieren zu müssen.

 

SARS hat das Verhalten der chinesischen Regierung verändert. Schauen Sie, was bei dem Erdbeben 2008 passiert ist: Es gab vermutlich mehr Berichterstattung über dieses Erdbeben, als es je über SARS gegeben hat. Man kann das als ein Zeichen dafür sehen, dass sich die Chinesen möglicherweise ein bisschen mehr geöffnet haben.

 

Manche sind da skeptischer, ich nicht. Wir sind doch alle zunehmend wirtschaftlich aufeinander angewiesen. Können Sie sich vorstellen was passiert, wenn alle ausländischen Käufer und Wirtschaftspartner aus Unsicherheit über einen neuen Ausbruch nicht mehr nach China kämen?

 

Alles würde zum Stillstand kommen. China will selbst Teil der Weltwirtschaft sein und weiß, dass man die Dinge nicht mehr so handhaben kann wie in den 1960er und 70er Jahren.

 

Haben Pandemien in letzter Zeit zugenommen?

Man muss das im Zusammenhang sehen. Seit der Spanischen Grippe hat es keine wirklich große Epidemie mehr gegeben. Das war 1918 und 1920; rund 25 Millionen Menschen starben daran.

 

Bedenken Sie, dass auch der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert mehr als 25 Millionen Menschen getötet hat – das entsprach einem Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung. So gesehen sind SARS und H5N1, die Vogelgrippe, beim besten Willen keine Pandemien. Das hängt alles von der Geschwindigkeit und Reichweite der Information ab. SARS war schwerwiegend, aber es starben eigentlich relativ wenige Menschen.

 

So etwas erregt einfach mehr Aufmerksamkeit durch die Medien, weil es das Internet gibt, Reporter und beliebte Kinofilme, in denen ganze Völker durch Krankheiten ausgelöscht werden. Es ist verführerisch für die menschliche Psyche, darüber nachzudenken und sich da hineinzusteigern.

 

Aber verglichen mit historischen Pandemien sind sie unbedeutend. Die gesicherte Gesamtzahl der auf H5N1 zurückzuführenden Todesfälle beträgt 256 Menschen seit 2003. Auf den Autobahnen der Welt sterben an langen Wochenenden vermutlich mehr Menschen.

 

Können wir eine neue Pandemie bekämpfen?

Theoretisch könnte man die Erregerstämme identifizieren, herausfinden wie man die Menschen behandeln muss und einen Impfstoff finden.


Pandemien: Nur keine Panik

Grafik: Die zehn tödlichsten Pandemien der Geschichte

Klicken Sie auf das Bild, um zu erfahren, welche Pandemien in der Geschichte die meisten Menschenopfer forderten. (Grafik: Allianz)

 

Wenn es wirklich ernst wird, kann man das Internet, das Fernsehen und anderen Kommunikationsmittel nutzen, um die Menschen zu informieren und unter Quarantäne zu stellen, ihnen sagen, dass sie Masken tragen oder zu Hause bleiben sollen. Wenn es schlimm genug ist, können Sie den Flugzeugverkehr aus dem Gebiet einstellen.

 

Aber in der Praxis sind da Lücken. Ich meine, SARS konnte auf ein paar einzelne Menschen zurückgeführt werden, die wussten, dass sie krank waren, sich aber nichts daraus machten. Sie liefen einfach hustend herum.

 

Wo liegen die größten Risiken in der Zukunft?

Überall da, wo es schlechte hygienische Zustände und eine große Bevölkerungsdichte gibt. Asien war der Ursprung vieler Krankheiten, weil die Bevölkerungsdichte dort größer ist.

 

In Europa sind die hygienischen Verhältnisse und die Standards in Krankenhäusern tendenziell ein bisschen besser. Aber es gibt hier inzwischen resistente Erreger, die man auch in den besten Krankenhäusern nicht einfach abschrubben kann.

 

Und der zunehmende Gebrauch von Antibiotika im Westen hat zur Folge, dass manchmal arzneimittelresistente Stämme entstehen. Das klingt, als könne man nicht gewinnen.

 

Aber stellen Sie es sich so vor: Es ist besser, Ihre Kinder manchmal aus einer Matschpfütze trinken zu lassen, damit ihr Immunsystem intakt bleibt, als alles steril zu halten – davon werden sie nur die ganze Zeit krank. 

 

Was kann der Einzelne tun, um sich zu schützen und das Risiko zu minimieren?

 

Nun, jeder sollte Vorsichtsmaßnahmen treffen. Nach dem Ersten Weltkrieg waren Schutzimpfungen weit verbreitet. Das veränderte sich in den 60er Jahren. Und heute sehen Sie, dass Leute wieder Polio bekommen.

 

Das können Kinder sein, die mit Ihren Kindern zur Schule gehen. Ironischerweise muss der Einzelne nicht nur daran denken, sich selbst zu schützen, sondern sich auch vergewissern, dass er an einem Ort lebt, wo andere Leute sich nicht einfach aus dem Gesundheitssystem ausklinken und sich weigern, geimpft zu werden.

 

Sie können es auch unterlassen, in Gegenden zu fahren, in denen es Infektionen gibt. Kontakt zu Tieren vermeiden und Ihre Hände waschen. Sie können auch vorbeugende Medikamente einnehmen. Wenn Sie beispielsweise in den afrikanischen Dschungel reisen, lassen Sie sich impfen und nehmen sie Medikamente gegen Malaria.

 

Warum ist es wichtig für eine Investmentgesellschaft sich mit Pandemien zu befassen?

 

Sie müssen sich positionieren, um den Wohlstand ihrer Kunden zu erhalten und zu vermehren. Wenn alle in Panik geraten, sinkt der Preis für nahezu alles. Wenn so etwas passiert, müssen Sie wissen, was Sie kaufen und was Sie verkaufen müssen. Dann können Sie echte Schnäppchen machen.


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Im Falle einer Pandemie würden Reiseveranstalter und Fluglinien vermutlich stark fallen, und das könnte eine gute Gelegenheit sein. Unternehmen, die Medikamente anbieten, würden vermutlich stark steigen. In dem Augenblick, in dem neue Krankheitsfälle auftauchen, werden die Medien sich darauf stürzen, weil das Zeitungen verkauft und Menschen vor den Fernseher bringt.

 

Als Analyst müssen Sie cool und methodisch bleiben. Sie müssen lokale Quellen kontaktieren, um zu erfahren, ob die Situation von der Presse hochgespielt wird, was die lokale Wirtschaft dazu sagt und wie viele Fälle es wirklich gibt. Das Wichtigste: Keine Panik.

 

Was wären die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen einer neuen Pandemie?

Das könnte alles sein zwischen null und katastrophal. Wenn Sie sich H5N1 und SARS ansehen, sprechen wir über ein paar Hundert Todesfälle. Wenn das Virus mutiert und sich von Mensch zu Mensch überträgt, könnte es wie am 11. September sein: Das Erste, was sie taten war, den Flugverkehr über den Vereinigten Staaten für drei Tage zu sperren.

 

Die Auswirkungen auf die Wirtschaft waren kolossal; Millionen von Dollar gingen verloren. Wenn das Virus außer Kontrolle gerät, wäre das eine Katastrophe. Aber es ist ein bisschen wie mit dem Atomkrieg.

 

Sie hätten von 1950 bis 1990 in Ihrem Keller sitzen und sich sorgen können, dass ein Atomkrieg alles zerstören würde. Sie müssen weiterleben, etwas zu Essen auf den Tisch stellen, Ihre Kinder zur Schule schicken.

 

Sie treffen vernünftige Vorkehrungen. Sie vertrauen darauf, dass die Medizin genug Neues hervorbringen wird und dass die Regierung genügend Impfstoff auf Vorrat hat. Heute ist die Welt technologisch viel fortgeschrittener als zur Zeit der Spanischen Grippe nach dem Ersten Weltkrieg.

 

Wir haben die Werkzeuge, Kommunikationsmittel und Hygienestandards, die verhindern sollten, dass so etwas wieder passiert. Für uns als Vermögensverwalter heißt das, wir müssen uns ein bisschen mehr Sorgen um die Wahrnehmung der Menschen machen, als um die reale Bedrohung.

 

Autor: Thilo Kunzemann

Veröffentlicht am: 14. April 2009

 
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