Wer Medikamente nimmt, will gesund werden – nicht das Gegenteil. Doch noch nie mussten so viele Medikamente vom Markt genommen werden wie um die Jahrtausendwende. Rezulin, Lipobay oder Vioxx sind einige der bekanntesten Beispiele. Der Ruf der Pharmaindustrie war angeschlagen, die Firmen machten enorme Verluste. Johannes Klose, Allianz Global Corporate & Specialty, dazu, warum Medikamente inzwischen so sicher sind wie nie zuvor.
![]() | Johannes Klose, wissenschaftlicher Berater der Allianz Global Corporate & Specialty„Neue Medikamente sind heute vermutlich sicherer als je zuvor.“ (Foto: Allianz) |
Was ist in den 90er Jahren schiefgelaufen?
In den 90ern kamen sehr viele neue Produkte auf den Markt – deshalb gab es wohl so viele Fehlschläge. Die Hürden für die Zulassung waren nicht so hoch wie heute. Und dann waren die Zulassungsverfahren beschleunigt worden – auch das kann Risiken mit sich bringen.
Sowohl bei den Genehmigungsstellen als auch bei den Pharmafirmen hat sich in den vergangenen Jahren viel getan: Vorbeugende Maßnahmen und die Risikoabschätzung wurden verbessert. Tritt erst einmal eine Behörde auf den Plan, ist es zu spät. Dann kommen auf die Firmen und ihre Versicherer riesige Verluste zu – ganz besonders in den Vereinigten Staaten. Gewiefte Anwälte warten nur darauf, dass mit einem neuen Medikament etwas schiefgeht.
Was hat sich inzwischen geändert?
Den Wendepunkt markierte Vioxx, ein entzündungshemmendes Schmerzmittel. Merck hatte es 1999 auf den Markt gebracht und damit einen Milliarden-Umsatz gemacht. 2004 musste es zurückgezogen werden, als der Verdacht aufkam, das Medikament könne für Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen.
Nach Vioxx ging es dann ganz plötzlich: Die Entwicklung von Medikamenten und die Zulassungsverfahren wurden verbessert; auch bei Medikamenten, die bereits im Handel sind, wird mehr auf mögliche Nebenwirkungen geachtet.
Aufsichtsbehörden wurden besser ausgestattet und bekamen mehr Geld. Dadurch sind mehr Transparenz und schnellere Informationen für den Fall von Risiken und Nebenwirkungen möglich geworden.
In den vergangenen Jahren kamen weniger neue Medikamente auf den Markt. Hat das etwas damit zu tun, dass sie sicherer sein sollen?
Die Hürden für die Zulassung neuer Medikamente sind höher als früher. Viele Firmen haben daraufhin ihre gesamte Forschung und Entwicklung neu organisiert. Damit wollen sie vermeiden, dass Probleme erst sehr spät bemerkt werden, zu einem Zeitpunkt, wenn bereits Millionen in ein neues Produkt investiert worden waren.
Das hat tatsächlich dazu geführt, dass die Arbeit an etlichen neuen Medikamenten schon in einem frühen Stadium wieder eingestellt wurde. Andererseits sind die Medikamente sicherer geworden – vermutlich waren sie nie so sicher wie heute.
Was können die Patienten tun, wenn sie ganz sichergehen wollen?
Am besten ist es natürlich, wenn sich ein Patient gut informiert und dann mit seinem Arzt spricht. Menschen, die chronische Krankheiten wie Epilepsie haben, kennen sich oft ganz hervorragend mit ihrer Krankheit und den Behandlungsmethoden aus. Das sind manchmal sehr anspruchsvolle Patienten, dafür befolgen sie die Anweisungen des Arztes aber auch sehr genau.
Wie haben die Versicherer auf die großen Verluste in den 90er Jahren reagiert?
Manche Versicherer haben dieses Segment einfach ganz aufgegeben. Das wollten wir nicht, daher haben wir Einschränkungen vorgenommen. Ein paar Jahre lang war das sicherlich auch gut so.
In dieser Zeit haben wir uns verstärkt mit den besonderen Risiken bei Medikamenten befasst und daraufhin ein System zur Risikoerkennung und -abschätzung aufgebaut. Vor zwei Jahren haben wir dann entschieden, uns wieder stärker in dem Bereich zu engagieren.
Welche Entwicklungen sind für die Pharmaindustrie in den nächsten Jahren von besonderer Bedeutung?
Wichtig sind einmal die Kosten, die enorm wachsen. In Europa ist es bereits der Fall, in den USA kommt das noch. Manche Pharmahersteller denken bereits darüber nach, Unternehmensteile auszugliedern. Auch die Hürden für die Zulassung von Medikamenten werden noch höher werden.
Im Bereich der Forschung wird seit kurzem verstärkt an sogenannten Biomarkern gearbeitet. Mit ihrer Hilfe kann man besser feststellen, wie neue Medikamente wirken und welche Nebenwirkungen sie möglicherweise haben.
Große Fortschritte gibt es auch in der Biotechnologie. Da sind etliche interessante Produkte zu erwarten. Viele Biotech-Firmen der ersten Stunde sind zwar längst wieder verschwunden, aber in den vergangenen fünf Jahren haben die großen Pharmahersteller etliche Start-up-Unternehmen aufgekauft. In Zukunft werden Proteine, Hormone oder Antikörper, die gentechnisch produziert wurden, stark an Bedeutung zunehmen.
Redakteur: Thilo Kunzemann
Veröffentlicht am: 14. April 2009