Erdgas gilt als der sauberste fossile Energieträger, setzt aber auch Treibhausgase frei. Für Russland, den größten Erdgaslieferanten der Welt, ist Erdgas aber vor allem ein Weg zu alter Macht.
![]() | Eine 100 meter hohe Gasflamme erhellt Hammerfest, eine Stadt im Norden Norwegens. Auf der vor Hammerfest gelegenen Insel Melkoya liegt das fünftgrößte norwegische Gasfeld. Dort errichtete der Statoil-Norsk Hydro-Konzern im Herbst 2007 die größte Erdgasverflüssigungsanlage Europas (Foto: Reuters) |
Erdgas ist unsichtbar, geschmacks- und geruchslos und eine der wichtigsten Energiequellen weltweit. Unsere heutigen Erdgasvorräte entstanden aus abgestorbenen Kleinstlebewesen, die vor Jahrmillionen unter dem Sediment der Meeresböden begraben wurden.
Erdgas ist ein fossiler Energieträger und damit nicht erneuerbar. Die bisher bekannten Vorkommen werden noch rund 60 Jahre lang ausreichen, sollte der Verbrauch auf dem derzeitigen Niveau bleiben.
Weltweit von Bedeutung
Mit Erdgas wird weltweit über ein Fünftel des Energieverbrauchs abgedeckt. Der Anteil am Weltmarkt wird bis zum Jahr 2030 von 21 auf 22 Prozent steigen, so die Prognose der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Deutlich stärker zunehmen wird jedoch die Nachfrage nach Strom aus Erdgas.
Bisher rangiert Erdgas bei der Stromerzeugung an dritter Stelle hinter Kohle und Kernkraft. In den kommenden Jahren wird Strom aus Gas aber die Kernkraft überholen; 2015 wird weltweit voraussichtlich ein Fünftel des Stroms mit Erdgas produziert.
Etwa vier Millionen Autofahrer in Europa nutzen für ihre Fahrzeuge Flüssiggas, das aus Erdgas hergestellt wird. Weitere wichtige Flüssiggasmärkte sind Australien, Indien, Korea und die Türkei. 20 bis 30 Prozent aller Autos in Zentralasien fahren nach Angaben des armenischen Verkehrsministeriums mit Flüssiggas. In vielen ärmeren Regionen Brasiliens und Indiens wird Flüssiggas zum Kochen verwendet.
Hohe Ölpreise haben etliche Ölkonzerne bewogen, in die Flüssiggas-Produktion einzusteigen. Dabei wird Erdgas unter Druck verflüssigt und kann dann als Treibstoff für Autos mit herkömmlichen Benzinmotoren verwendet werden. Auch hier entstehen zwar Treibhausgase, die Emissionen sind aber deutlich geringer als bei Fahrzeugen, die mit Benzin betankt werden.
Erdgas-Vorkommen
Erdgas entsteht einerseits als Nebenprodukt der Erdölförderung, wird aber auch aus reinen Erdgasfeldern gefördert. Bisher fackelten viele Ölfirmen das überschüssige Erdgas bei der Ölförderung einfach ab. Doch die Nachfrage nach Erdgas steigt - und die Preise ebenso. Bald könnten also die riesigen Flammen auf den Ölfeldern und den Ölbohrinseln der Vergangenheit angehören.
Erdgasvorkommen gibt es viele, doch weil Gas so schwierig zu transportieren ist, wurde das Erdgas bisher meist in der Nähe potenzieller Kunden gefördert. Das hat sich durch Gaspipelines zwar geändert, trotzdem sind sie nur wirtschaftlich, wenn ein Produzent wie Russland sich nahe beim Abnehmer befindet – in diesem Fall die Länder der Europäischen Union.
Russland verfügt fast über ein Fünftel der weltweiten Produktionskapazität und ist damit der wichtigste Erdgasproduzent. Legt man die derzeitige Fördermenge zugrunde, wird der Erdgasvorrat weitere 70 Jahre reichen. Allein im Jahre 2004 verkaufte Russlands Erdgas-Monopolist Gazprom Erdgas im Wert von 24,7 Milliarden Euro (31 Milliarden Dollar).
Gazprom allein kontrolliert etwa 16 Prozent der weltweiten Gasreserven und hat in den Ländern der Europäischen Union einen Marktanteil von rund 25 Prozent. Die Preispolitik von Gazprom hat in der EU bereits für einigen Streit gesorgt und gibt Anlass zur Beunruhigung.
Politiker und Geschäftsleute fürchten, Europa könne wegen der Abhängigkeit vom russischen Erdgas erpressbar werden. Welch wichtige Rolle das Unternehmen in Russland spielt, wurde im März 2008 offensichtlich, als Gazprom-Chef Dmitri Medwedew zum russischen Präsidenten gewählt wurde.
Für Länder, die weit von den großen Gasabnehmern in Europa, Nordamerika oder Asien entfernt sind, sind Pipelines nicht sinnvoll. Iran und Katar verfügen zwar über die zweit- und drittgrößten Gasvorkommen – zusammen halten sie über 30 Prozent der weltweiten Gasreserven – ihr Anteil an der Produktion liegt jedoch nur bei ungefähr fünf Prozent.
Solange der Preis für Öl und Gas niedrig war, lohnte es sich nicht, Flüssiggas mit Spezialtankern zu weit entfernten Absatzmärkten zu transportieren. Mit dem Bau der neuen Supertanker und hohen Energiepreisen hat sich das geändert: hochkomprimiertes Flüssiggas ist für viele Märkte zu einer echten Alternative geworden und gleichzeitig für Produzenten wie Katar wirtschaftlich interessant.
Inselstaaten wie Japan, die keine eigenen Gasvorkommen haben, sind seit Jahren auf Flüssiggas angewiesen. Und seit die Gasvorräte der USA schwinden, wächst auch dort die Nachfrage.
Energieausbeute und Umwelt
Meist wird Erdgas in der Stromproduktion genutzt. Das liegt vor allem an seiner hohen Wirtschaftlichkeit und der relativ niedrigen Luftverschmutzung. Moderne Gaskraftwerke sind Kombi-Kraftwerke, in denen die Wärmeenergie, die normalerweise ungenutzt bleibt, eingesetzt wird, um wiederum Elektrizität zu produzieren. Solche Kraftwerke erreichen einen Wirkungsgrad von bis zu 60 Prozent.
Damit sind sie doppelt so leistungsfähig wie Kohlekraftwerke oder herkömmliche Gaskraftwerke. Auch der Ausstoß von Kohlendioxid und anderen Schadstoffen ist geringer, weil Erdgas der sauberste aller fossilen Energieträger ist. Er besteht im Wesentlichen aus Methan.
Bei der Verbrennung entstehen in erster Linie Kohlendioxid und Wasserdampf. Sulfur und Stickstoff, zwei Bestandteile, die die Verbrennung von Kohle und Öl so umweltschädlich machen, kommen im Erdgas nur in geringer Konzentration vor. Auch setzt Erdgas bei der Verbrennung rund 30 Prozent weniger Kohlendioxid pro Energieeinheit frei als Öl und rund 45 Prozent weniger als Kohle.
Gas aber enthält weniger Energie als die entsprechende Menge Öl. Autos, die mit Flüssiggas fahren, verbrauchen beispielsweise 20 Prozent mehr als Autos mit Benzinmotoren. Ein Trost für Autofahrer: Da ein Liter Benzin ungefähr doppelt so viel kostet wie ein Liter Flüssiggas, lohnt es sich trotzdem.
Problematisch sind hingegen die hohen Kosten und Umweltschäden bei der Erschließung und Förderung von Erdgasvorkommen. Eine geplante Gaspipeline vom Amazonasbecken zur peruanischen Atlantikküste wird Teile des dortigen Regenwaldes zerstören, Flüsse verseuchen und den Lebensraum etlicher Indianerstämmen dezimieren.
Eine weitere Pipeline ist zwischen Russland und Deutschland geplant: Die Röhre unter der Ostsee würde durch Meeresschutzgebiete verlaufen und den sensiblen Meeresgrund schädigen, fürchten Naturschützer.
Autor: Thilo Kunzemann
Veröffentlicht am: 14. April 2009