Kann der Strom für Europa aus den Wüsten Afrikas kommen? Ja, glauben 16 der weltgrößten Unternehmen. Um das Vorhaben zu verwirklichen, haben sie die Desertec Industry Initiative (DII) gegründet. Ernst Rauch von der Münchner Rück über das Projekt.
Strom aus der Wüste – das klingt wie ein Märchen. Worum genau geht es bei Desertec?
Das Konzept beruht darauf, Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind- oder Solarenergie dort zu produzieren, wo diese Ressourcen im Überfluss vorhanden sind; Solarenergie also in Wüsten und Windkraft vor den Küsten. Der zweite Teil dieser Idee ist die Übertragung: Ein Teil des Stroms soll in dicht besiedelte Industriezentren geleitet werden, während ein anderer Teil in den produzierenden Ländern genutzt wird.
Was ist schwieriger, diesen Wüstenstrom zu produzieren oder ihn zu verkaufen?
Beides ist gleich schwer, aber aus unterschiedlichen Gründen. Wenn wir den Strom in den Industrieländern verkaufen wollen, zum Beispiel in Europa, brauchen wir entsprechende Finanzinstrumente wie Einspeisetarife. Andererseits müssen die Herstellerländer die nötigen Mittel aufbringen, um den Strom zu finanzieren. Er ist immer noch teurer als konventionell produzierte Energie.
Ist die notwendige Technologie schon vorhanden?
Die Durchleitung über große Distanzen basiert auf einer erprobten Technologie; sie wird bereits in China, Brasilien und sogar in einigen europäischen Ländern eingesetzt. Sie wird Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) genannt, und es gibt derzeit zwei Unternehmen, die sie für den kommerziellen Einsatz anbieten. Beide Firmen sind Anteilseigner von DII.
Die Initiative wurde im Sommer 2009 ins Leben gerufen. Was hat sie bisher erreicht?
Wir begannen mit einer Grundsatzvereinbarung, die inzwischen von 16 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen und der DESERTEC Foundation unterzeichnet wurde. Jetzt müssen wir bis 2012 einen bankfähigen, detaillierten Plan entwickeln, um das Konzept Wirklichkeit werden zu lassen.
Und was wird nach 2012 geschehen?
Von da an können Investoren konkrete Projekte fördern, beispielsweise Solar- oder Windkraftanlagen und Übertragungsnetze. Wir brauchen gute rechtliche Rahmenbedingungen, die auch in nichtdemokratischen Ländern die Sicherheit der Investitionen garantieren. Außerdem Vereinbarungen über den Energiehandel: Den Investoren muss der Verkauf des Stroms, der in diesen Anlagen erzeugt wird, über eine Laufzeit von 20 Jahren und zu vorher festgelegten Preisen garantiert werden. Bei der Durchleitung ist es schwieriger. Die Entwicklung eines Übertragungsnetzes zwischen Nordafrika und Europa befindet sich noch im Frühstadium und liegt hinter der Entwicklung der Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen zurück.
Warum dauert der Ausbau der Übertragungsnetze so lange?
Derzeit sind die meisten Netze im Besitz von Versorgungsunternehmen. Ihnen gehört die gesamte Wertschöpfungskette von der Produktion bis zur Übertragung zum Endverbraucher. In einem pan-europäischen Hochspannungssystem für erneuerbare Energie müssten sich die Besitzverhältnisse ändern, um unabhängigen Investoren den Zugang zu ermöglichen. Das könnten natürlich auch Energieversorger sein, aber ebenso neue Interessengruppen.
Würde der Ausbau der bestehenden Hochspannungsnetze ausreichen oder brauchen wir ein ganz neues Netz?
Wir müssten ein neues Netz bauen. Mit dem jetzigen Wechselstrom-System ist die effiziente Durchleitung nur über einige Hundert Kilometer möglich. Würde man damit Tausende von Kilometern weit übertragen, ginge ein wesentlicher Teil der eingespeisten Energie unterwegs verloren. Noch etwas spricht für ein neues Netz: Das derzeitige wurde um die alten Einspeisepunkte herum gebaut, wie Atom- oder Kohlekraftwerke. Es ist sternförmig angelegt.
Das Netz hat an seinen Ausgangspunkten, bei diesen Produktionsstätten, eine sehr hohe Kapazität, die aber mit zunehmender Entfernung abnimmt. Die Karte eines zukünftigen Netzes für erneuerbare Energien müsste völlig anders aussehen. Wir erleben das jetzt schon bei den Windkraftanlagen in der Nordsee. An manchen Tagen produzieren die Windparks eine große Menge Strom, der aber aufgrund der unzureichenden Netzkapazitäten nicht in die Gegenden Deutschlands transportiert werden kann, in denen er gebraucht wird.
Würde die Desertec Initiative Solarthermie oder Photovoltaik verwenden?
Beides ist möglich. Das wird vom Einsatzort und den regionalen Erfordernissen abhängen. Wenn es um Spitzenbelastungen geht, ist die Photovoltaik augenblicklich die günstigste Technologie. Dennoch ist ihr größter Nachteil, dass der Strom nicht effizient gespeichert werden kann. Hingegen wird bei der Solarthermie statt Strom Wärme gespeichert. Die Stromerzeugung kann dann zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen, beispielsweise bei Nacht oder an wolkenreichen Tagen. Die Leistung einer Anlage für konzentrierte Sonnenenergie (CPV) ist beständiger als die einer Photovoltaik-Anlage.
Wie sieht es bei Solarthermie und Photovoltaik im Hinblick auf die Kosten aus?
Die Kosten für CPV sind noch weitaus höher als bei der Photovoltaik, besonders wenn man ein Wärmespeichersystem verwendet. Diese Kosten werden sinken. In Spanien liegen die Preise für Strom aus CPV derzeit bei 15 bis 20 Eurocent pro Kilowattstunde. Um mit konventionell hergestelltem Strom konkurrieren zu können, dürften sie nur etwa ein Drittel davon betragen. Augenblicklich gibt es auf diesem Markt wenig Konkurrenz.
Im Grunde genommen gibt es nur zwei Technologie-Unternehmen, die die entscheidenden Teile einer CPV-Anlage entwickeln und herstellen können. Wenn wir in diesem Markt mehr Wettbewerb bekommen – was auch ein großer Anreiz für Investitionen in Effizienz und Prozessoptimierung wäre – würde das zu einer dramatischen Kostensenkung führen.
Warum Nordafrika und nicht die sonnigen Regionen Südeuropas?
Der Hauptgrund ist die Sonneneinstrahlung in Nordafrika. Sie liegt im Durchschnitt 20 bis 30 Prozent höher als in Südeuropa. Das würde die Stromkosten um dieselbe Prozentzahl senken – so einfach ist das.Und das Projekt kann in nordafrikanischen Ländern von zusätzlichem Nutzen sein: Man kann mit dem Einsatz einfacher Technologien dort neue Jobs schaffen.
Man kann Wärme oder Strom aus CPV-Anlagen auch zur Wasserentsalzung und Trinkwassergewinnung einsetzen. Die meisten Wüsten sind materiell gesehen wertlos; sie eignen sich nicht für irgendeine Form der Industrialisierung. Plötzlich wären sie für diese Länder wertvoll. Das Projekt wäre wirklich für alle Beteiligten von Nutzen.
Was wird Ihrer Ansicht nach das größte Problem sein?
Die größte Herausforderung wird es sein, in Europa rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die es ermöglichen, den Strom an europäische Verbraucher zu verkaufen. In Europa gelten die Einspeisetarife für erneuerbare Energie nur für die nationale Stromgewinnung.Doch es gibt eine EU-Vorschrift, die besagt, dass die nationalen Tarife ab 2012 auch für außerhalb der EU erzeugte erneuerbare Energie gelten müssen. Aber das ist alles andere als einfach.
Wann, glauben Sie, wird Desertec zum ersten Mal Strom nach Europa liefern?
Innerhalb der nächsten fünf Jahre.
Autor: Thilo Kunzemann
Veröffentlicht am: 28. Juli 2010