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Energiesicherheit: Strom oder Stillstand

Moderne Gesellschaften sind auf Energie angewiesen. Ein Versorgungsausfall kann das gesamte öffentliche Leben zum Stillstand bringen. Wo liegen die Gefahren und wie stellen sich einzelne Länder darauf ein?


Energiesicherheit: Strom oder Stillstand

Hinter der Skyline von New York geht während eines Stromausfalls im August 2003 die Sonne auf. (Foto: Reuters)

 

Neun Monate nach dem großen Stromausfall in New York im Jahre 1977 stieg die Geburtenrate in der Stadt um 35 Prozent. So wenigstens lautet die Legende. Was während des Blackouts wirklich geschah, war weniger romantisch: Hunderte von Geschäften wurden geplündert, Gebäude brannten bis auf die Grundmauern nieder, die Schäden beliefen sich auf über 300 Millionen Dollar.

 

Wie man es auch dreht und wendet, es ist die Energie, die moderne Gesellschaften in Gang hält. Dabei gehören Energiekrisen keineswegs der Vergangenheit an: Im August und September 2003 kam es zu sechs großen Stromausfällen in den USA, Großbritannien, Italien, Dänemark und Schweden. 112 Millionen Menschen saßen im Dunkeln.

 

Diese Stromausfälle machten deutlich, wie anfällig überlastete Versorgungsnetze sind. Zwei Jahre später brachen die Hurrikane Katrina und Rita über die US-Golfküste herein, was zur Unterbrechung der Öl-, Erdgas- und Stromversorgung führte und somit zum weltweit ersten „kompletten“ Energieschock.

 

Ursachen I: politische Instabilität

Naturkatastrophen sind jedoch nicht die einzigen Ursachen für Versorgungsprobleme. Einen wachsenden Anteil an der Energieproduktion haben Nationen in unbeständigen Regionen der Welt, zum Beispiel im Mittleren Osten oder in Äquatorialafrika.

 

Die Öl- und Erdgasförderung der OECD-Länder hingegen wird in den nächsten Jahrzehnten abnehmen. Die unnatürlich hohen Ölpreise reflektieren diese Unbeständigkeit. Christopher Wheaton, Energy Fund Manager bei der Allianz, bezeichnet dies als einen „Risikozuschlag“.

 

Die Sorgen der Märkte sind nicht unbegründet. In Nigeria, Afrikas wichtigstem Ölexporteur, behindern Entführungen und Sabotage regelmäßig die Ölproduktion. Auch die diplomatischen Spannungen zwischen Iran und den westlichen Staaten könnten zu Versorgungsproblemen führen.

 

Der Fall Iran veranschaulicht ein weiteres anfälliges Teil im großen Puzzle der Energieversorgung: Die meisten Öltanker müssen durch mehrere Engpässe im Transportweg – sogenannte „Choke Points“ – fahren, darunter der Suez-Kanal, der Bosporus, die Straße von Malacca und die Straße von Hormuz entlang der iranischen Küste.

 

An diesen Stellen sind Schiffe durch Unfälle, Blockaden, Piraterie und Angriffe gefährdet. Würde der Iran angegriffen, würde er vermutlich versuchen, jeden Schiffsverkehr aus seinen Nachbarländern durch den Persischen Golf zu verhindern.

 

Ursachen II: fehlende Investitionen

Solche Bedrohungen machen Schlagzeilen, doch der Weg des Öls zu den Märkten ist nur die eine Hälfte des Problems. Denn gut gefüllte Öl- und Erdgastanks sind nutzlos, wenn keine entsprechende Infrastruktur für die nationale Stromerzeugung vorhanden ist.

 

„In den letzten zehn Jahren gab es nur relativ geringe Investitionen in die Stromerzeugung,“ sagt Ian Cronshaw, Leiter der Abteilung Energiediversifikation der Internationalen Energieagentur (IEA). „Die Regierungen müssen in die Stromerzeugung und die Übertragungsnetze investieren.“


Energiesicherheit: Strom oder Stillstand

Blackout in Indien

Im Januar 2001 führte ein 13-Stunden langer Stromausfall zu einem großen Chaos in Indien. 220 Millionen Menschen waren betroffen. Schuld waren, so offizielle Stimmen, veraltete Anlagen. (Foto: Reuters)

 

Lösungen I: unterschiedliche Energiequellen nutzen

Die Abhängigkeit von einer einzelnen Energiequelle war schon immer ein Nachteil. Deshalb haben einige Länder damit begonnen, ihre Energieversorgung zu diversifizieren.

 

Das Ölembargo der OPEC im Jahr 1973 gab in Europa den Anstoß zur Erforschung der Ölvorkommen in der Nordsee und zur Nutzung der Atomkraft. Heute stammt rund ein Drittel des europäischen Stroms aus Atomkraftwerken.

 

Japan verfügt quasi über keinerlei eigene Energiequellen. Das Land hat seine Abhängigkeit vom Mittleren Osten verringert, indem es Öl in Indonesien, Malaysia und Australien kauft und auf Flüssiggas setzt, das per Schiff transportiert werden kann.

 

Auch China hat sich vom Mittleren Osten abgewandt und kauft von afrikanischen Produzenten wie Sudan und Angola. Das staatliche Ölunternehmen Petrochina betreibt dort riesige Ölfelder und hält Anteile an afrikanischen Ölfirmen.

 

Außerdem erforscht China, wie es seine beträchtlichen Kohlevorkommen in Flüssigöl umwandeln kann. Die USA hingegen propagieren „saubere“ Technologien, die Kohle „waschen“ und durch höhere Brenntemperaturen CO2-Emissionen verringern.

 

Lösungen II: zu erneuerbaren Energien wechseln

Anders als in den 1970er Jahren spielt der Faktor globale Erwärmung heute eine Rolle. Einfach von einem fossilen Brennstoff zum anderen zu wechseln, ist daher nur die zweitbeste Alternative.

 

Deutschland hat Wind- und Solarenergie durch gesetzlich geregelte Einspeisevergütung gefördert, die die Stromversorger zum Kauf erneuerbarer Energien über Nennwert verpflichtet. Dänemark nutzt sein großes Potenzial an Windkraft, um über 20 Prozent seines Strombedarfs mit Windenergie zu decken.


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„In Europa verlassen sich die Regierungen auf wirtschaftliche Anreize, Kohlesteuer, KFZ-Steuer und Investitionen in die öffentlichen Transportsysteme“, erklärt Malcolm Keay, Forschungsbeauftragter am Oxford Institute for Energy Studies.

 

„Doch alle bisherigen Anstrengungen werden nur zu langfristigen Resultaten führen, wenn der Energieverbrauch konstant bleibt oder sogar sinkt. Es gibt zwei Wege, das zu erreichen: die Energieeffizienz verbessern und die Nachfrage drosseln.“

 

„Wenn Regierungen ihre Politik nicht ändern, werden Öl- und Gasimporte, Kohlenutzung und Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2030 unaufhaltsam steigen,“ sagt Nobuo Tanaka, Geschäftsführer der Internationalen Energieagentur. „Diese Trends würden die Energiesicherheit bedrohen und den Klimawandel beschleunigen.“

 

Autor: James Tulloch

Veröffentlicht am: 22. Juni 2009

 
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