Mit dem Taj Mahal wird das CII-Sohrabji Godrej Green Business Centre (GBC) nie mithalten können. Als Musterbeispiel für grünes Bauen, ist es jedoch bedeutender für Indiens Zukunft. Allianz Knowledge war für Sie vor Ort.
![]() | Oase der KühleEin kreisrunder Innenhof schützt das GBC vor Hitze, Sonne und den heißen Straßen Hyderabads (Foto: Allianz) |
Wie eine lebendige Peitsche kommt die Schlange über das Gras direkt auf mich zu. Im letzten Moment weicht sie aus und lässt sich vom Dachgarten fallen.
"Eine Grasschlange", kichert Siva Kishan und schaut hinunter in die Büsche. "Sie erschrecken die Gärtner, aber sie sind harmlos." Kishan ist Berater des Green Business Centre (GBC) in Hyderabad und führt mich durch dieses bemerkenswerte Gebäude. "Die Grasschlangen erschrecken auch die Besucher", stottere ich, "aber wenigstens lassen die Grasschlangen auf dem Gelände darauf schließen, dass der Ort seinem Namen gerecht wird."
Tatsächlich ist das GBC eines der "grünsten" Gebäude der Welt. Es ist das erste außerhalb der USA und das dritte weltweit, das vom US Green Building Council (Verband für grünes Bauen) das LEED-Zertifikat in Platin erhalten hat. Aktuell hat New Ventures India seinen Sitz im GBC, ein Projekt, das Öko-Unternehmer in Indien fördern und präsentieren soll.
Um einen kreisförmigen Innenhof herum stehen ein- und zweistöckige, bogenförmige, ausladende Gebäude. Eine Mischung aus Solarpanelen, Gras, Büschen und Oberlichtern bedeckt die Dächer, Gärten und Bäume umgeben das Gebäude. Es wirkt, als sei Han Solo’s Raumschiff aus "Krieg der Sterne" mitten im Wald bruchgelandet und aufgeblüht.
Doch das GBC sieht nicht nur futuristisch aus: Bei den LEED-Kriterien für Nachhaltigkeit rangiert es sehr weit oben, also bei: Energieeffizienz, Wasserverbrauch, Umweltqualität der Innenräume, Materialauswahl und Bauleitung. Es weist beeindruckende Zahlen auf:
- 88 Prozent weniger künstliches Licht als in herkömmlichen Gebäuden
- 80 Prozent recycelte oder wiederverwendbare Baumaterialien
- 50 Prozent geringerer Energieverbrauch als in normalen Gebäuden
- 35 Prozent weniger Trinkwasserverbrauch
Sehen Sie hier das Video über Indiens grüne Oase (in Englisch)
Energieeffizienz
Das GBC benötigt nur halb so viel Energie wie ein typisch indisches Gebäude. Das Geheimnis ist die effiziente Kühlung - entscheidend in einer Stadt, wo die Temperatur regelmäßig die 40-Grad-Marke knackt. Kishan erklärt: "Je heißer es ist, desto stärker muss die Klimaanlage arbeiten, um die Temperatur zu senken und um so mehr Energie verbraucht sie."
Das GBC dagegen benötigt in drei Vierteln seiner Räume überhaupt keine Klimaanlage. Die kreisförmige Anlage schottet den Innenhof gegen die Sonne ab. Durch Aussparungen in den Wänden strömen Luft, Licht und manchmal sogar eine Entenfamilie hinein und heraus. Betonblöcke mit winzigen Poren und Wände mit großen Aussparungen im Mauerwerk tragen ebenfalls zur Belüftung bei.
Die Dachgärten und die Solarpanele absorbieren die Sonnenwärme, statt sie nach unten abzugeben. Das senkt die Temperatur in den Räumen um weitere vier bis fünf Grad Celsius. "Die Solarpanele decken außerdem 15 bis 20 Prozent des täglichen Strombedarfs im Gebäude ab", erklärt Kishan.
Zwei vierstöckige Windtürme – wie auch der Innenhof an der traditionellen Architektur angelehnt – saugen die Luft an und kühlen sie um bis zu sieben Grad ab, bevor sie um das Gebäude zirkuliert. Innerhalb der Turmmauern wirken Steingitter wie Kühlelemente: Sie sind der Sonne nicht ausgesetzt und senken die Lufttemperatur.
Die frische Luft wird ins Gebäude gepumpt, wenn das Gebäudemanagement-System erkennt, dass Temperatur, Feuchtigkeit und CO2 ein ungesund hohes Niveau erreicht haben. Das funktioniert. Die Luft ist frischer und weniger stickig, fühlt sich aber nicht so frostig an wie bei einer Klimaanlage. Im Innenhof trinken wir Tee und essen scharfe Snacks, ohne dabei in Schweiß auszubrechen.
Keine Wasserverschwendung
Wasser sparen ist in Indien eine weitere dringende Priorität. Das Green Business Center verschwendet nicht einen Tropfen Wasser. Durchflussbegrenzer und wasserlose Urinale sind Standard. Das GBC benötigt 35 Prozent weniger Trinkwasser als andere Gebäude. Schmutzwasser wird in große nierenförmige Beete geleitet, auch Pflanzenkläranlagen genannt. Durch die Neigung der Beete sickert das Wasser zwischen Steinen, Kies und Sand hindurch und wird dabei gefiltert.
Die Wurzeln der Pflanzen nehmen das gesamte Restmaterial auf – eine Art natürlicher Dünger. Das recycelte Wasser sickert in einen Teich, woraus es zur Bewässerung von Pflanzen, Bäumen und der Dachgärten entnommen wird. Das Wasser trägt auch dazu bei, die Gebäude kühl zu halten, indem es die Luft abkühlt, die für die Klimatisierung genutzt wird.
Ein Paradies für die Beschäftigten
Die Büros wirken innen sehr dunkel. Aber sobald sich die Augen daran gewöhnt haben, genügt das Licht der vielen großen Fenster und des riesigen Oberlichts. "Das gesamte Büro hat Tageslicht", sagt Kishan. "Wir brauchen 88 Prozent weniger künstliches Licht als herkömmliche Büros, die rund 20 Prozent ihres Etats allein für die Beleuchtung ausgeben." Die Fenster sind doppelt verglast und eine Lage Argon zwischen den Scheiben wirkt hitzeabweisend.
Die gute Aussicht durch all das Glas lenkt anscheinend nicht von der Arbeit ab. Die Produktivität im Green Business Center liegt zehn bis 15 Prozent über dem Durchschnitt. Abgesehen von der kühlen Luft tragen auch die Baumaterialien zu einer gesunden Atmosphäre bei. Farben und andere Stoffe enthalten weder Lösemittel noch flüchtige organische Verbindungen, die die Luft belasten könnten. "Sämtliche Türen und Arbeitsplätze sind holzfrei und bestehen aus komprimierter Zuckerrohr-Melasse", sagt Kishan.
Tatsächlich stammt der größte Teil des Materials, das im GBC verwendet wurde, aus dem Recycling oder ist wiederverwertbar. Die Backsteine bestehen aus Flugasche, die Fenster aus recyceltem Glas und die Fliesen aus wiederverwertetem Kunststoff. Die Säulen im Innenhof sind mit eindrucksvollen Mosaiken aus zerschlagenen Keramikkacheln verziert. Während des Baus wurde über die Hälfte des Bauschutts im Gebäude selbst wieder verwertet oder zu anderen Baustellen gebracht.
Seit seinem Bau im Jahr 2003 hat das GBC die ökologische Bauweise in Indien revolutioniert. "Mit nur einem Gebäude haben wir das Konzept für ökologisches Bauen auf den Weg gebracht", sagt S. Raghupathy, Leiter des GBC. "Heute haben wir bereits 320 Gebäude, die auf die Zertifizierung warten. Bis zum Jahr 2010 sollen 1000 Gebäude fertig sein. Mit fast 200 Millionen registrierten Quadratmetern steht Indien bei der Öko-Bilanz für Gebäude weltweit auf dem zweiten Platz."
Beim Kampf gegen den Klimawandel gilt Indien normalerweise als Nachzügler. Das Green Business Center zeigt, dass erfolgreiche Innovationen möglich sind. Die Frage ist nur, ob die boomende indische Bauindustrie dem Beispiel folgen und Indiens Großstädte einer Zukunft entgegen führen wird, in der sich sogar eine Grasschlange zu Hause fühlt.
Autor: James Tulloch
Veröffentlicht am: 9. September 2009