Immer mehr Menschen ziehen in die großen Ballungszentren. Schulen und Universitäten müssen in den nächsten Jahren mit einem Ansturm an Schülern und Studenten fertig werden. Die Digitalisierung könnte einige der dabei entstehenden Probleme lösen, doch Lehrer sind nicht immer die größten Freunde neuer Technologien, sagt Didaktikprofessor Heiner Böttger von der Katholischen Universität Eichstätt.
Herr Professor, fast drei Viertel der Weltbevölkerung werden bis Mitte dieses Jahrhunderts in Städten leben. In den Ballungszentren müssen immer mehr Schüler unterrichtet werden.Welche Schwierigkeiten erwarten Sie?
Die Herausforderungen sind jetzt schon zu spüren. Viele unserer Schulen und Universitäten platzen aus allen Nähten, Seminare an den Hochschulen werden deswegen immer öfter an Samstagen abgehalten. Lerngruppen, die oft zu groß sind, werden noch größer werden, die Raumnot wird sich durch den Zuzug verschärfen und neue Lehrer einzustellen ist in vielen Ländern ein langwieriger Prozess.
Eine Mischung aus dem bisherigen Frontalunterricht, virtuellem Unterricht mit Hilfe des Internets und eigenverantwortlichem Lernen in Multimedia-Zentren muss daher künftig stärker angewandt werden, um den heutigen Standard zuhalten. Die digitale Vernetzung ermöglicht virtuelle Klassenzimmer mit Teilnehmern, die auch an einem anderen Ort sitzen können.
Ein Ergebnis meiner Forschungen ist, dass Erwachsene lernen, wenn sie können und wollen, nicht wenn sie müssen und sollen. Manche Hochschulen und international agierende Firmen wie die Allianz entwickeln solche unabhängigen Lernarrangements seit Jahren mit Erfolg – zum Teil auchaus den beschriebenen Nöten heraus.
Wie kann man diese Probleme im Klassenzimmer auffangen?
Lehrer können zum Beispiel die Digitalisierung nutzen, um vom Frontalunterricht zum aufgaben- oder problemorientierten Unterricht überzugehen. Durch das Internet können die Schüler das Klassenzimmer verlassen und Lösungen zu bestimmten Aufgaben selbstständig erarbeiten.
Sie können sich außerdem alleine weiterbilden, über die Anforderungen der nächsten Schulaufgabe hinaus. Doch diese Art des Unterrichts erfordert einen breiten Zugang zum Internet und eine Überwindung von Berührungsängsten. Denn in der digitalen Weltsind die Schüler vor allem älteren Lehrern oft voraus.
Auf dem Land werden Schüler und Lehrer weite Strecken zurücklegen müssen, die wohnortnahe Schule hat bei zunehmender Urbanisierung wahrscheinlich ausgedient.
Wird die Kommunikation der Lehrer untereinander dann noch schlechter werden als sie ohnehin schon ist?
Ich befürchte – auch aus der eigenen Erfahrung als Lehrer –, dass sich der Austausch weiter verschlechtern wird. Es fehlt an Zeit, die Belastungsgrenzen sind bei vielen Lehrern erreicht. Fachliche Videokonferenzen wie sie in großen Unternehmen wie der Allianz Standard sind, schulübergreifend oder sogar international, ermöglichen zwar den Austausch über weite Strecken, sparen wertvolle Reisezeit und reduzieren die Belastung für die Umwelt. Aber an manchen Schulen tippen die Sekretärinnen noch die vom Lehrer handgeschriebenen Noten einzeln in den Computer, bevor sie das Zeugnis ausdrucken.
In der Schule kann ich als Lehrer die Zeit stillstehen lassen, wenn ich will. Schwellenländer wie Indien stehen der modernen Technik aufgeschlossener gegenüber.
Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung für die Bildung in weniger entwickelten Ländern?
Hier sehe ich die große Chance, globale Bildungsgrenzen zu überwinden, denn Wissen kann jetzt in die entlegensten Ecken der Welt kommuniziert werden. Davon können nicht nur Länder der Dritten Welt, sondern auch Institutionen in Konfliktgebieten profitieren. Wir tauschen uns zum Beispielmit der Al-Azhar-Universität im Gaza-Streifen aus.
So werden aus Lernenden Lehrer, die Schieflage eines einseitigen Bildungsflusses kann ausgeglichen werden. Dies sollte aus meiner Sicht ein Schwerpunkt von Entwicklungshilfe sein: Zugang zu Bildung ist der Schlüssel zu Chancengleichheit und eine sinnvolle Digitalisierung bedeutet Hilfe zur Selbsthilfe.
Doch auch einen Laptop muss man sich leisten können. Das dürfte in Indien und Gaza vielen Menschen sehr schwer fallen.
Dagegen helfen nur Aktionen auf politischer, kommerzieller und inhaltlicher Ebene, um die Versorgung mit digitalen Verbindungen einerseits und vernünftigen Bildungsinhalten andererseits zu gewährleisten.
Der Zugang zu ungefilterter Bildung mit Hilfe moderner Technik ist nur durch Zensur, wie man am Beispiel China sieht, und durch den Mangel an Geld eingeschränkt. Ich halte daher Sponsoring durch IT-Firmen im Bildungsbereich für angebracht.
Die Ausstattung von Schulen oder Universitäten wird dann mit Werbung erkauft. Kann das im Sinne einer unabhängigen Ausbildung sein?
Die Gefahr der Manipulation kann man schnell entschärfen, indem man mit Schülern oder Studenten bewusst über Sponsoring spricht. Und die Bildungsinhalte werden ja nach wie vor hauptsächlich von Wissenschaft und Staat, nicht von der Industrie bestimmt. Jede Ausbildung kann jedoch von einer modernen Ausstattung enorm profitieren.
Sie haben den Einsatz digitaler Netzwerke in der Bildung untersucht.Wie werden die neuen Medien die Bildung der Zukunftprägen?
Die Welt rückt näher zusammen. Bildung wird schneller undeinfacher verfügbar, vieles kann im Internet recherchiert, ausgewertetund aufbereitet werden. Mit Kollegen aus den USAtreffe ich mich regelmäßig in Blogs oder wissenschaftlichenChatforen, um mich auszutauschen. Niemand muss mehrlange auf Publikationen warten, sondern erhält neueste Erkenntnissenahezu unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung.Bildung wird also zunehmend ein für alle verfügbarer Prozess,unabhängig von Herkunft, Wohnort, Lebensumständen, Alter,Geschlecht oder Beruf.
Sie haben untersucht, wie deutsche Lehrer miteinander kommunizieren.Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?
Wir haben empirisch festgestellt, dass mehr als 80 Prozentder Englisch-Lehrer in fünften Klassen an Realschulen undGymnasien nicht wissen, was ihre Kollegen in dem gleichenFach in der Grundschule unterrichten, welche Ziele sie verfolgenund welche methodischen Verfahren sie verwenden. Zahlreiche Lehrer haben gesagt, dass sie in Englisch in derfünften Klasse nochmals ganz von vorne anfangen. Das istquasi eine Ohrfeige für die betroffenen Grundschullehrer.Am Ende waren die Lehrkräfte an beiden Schularten, aberauch die Schüler frustriert, weil jeder gemerkt hat, dass dieArbeit doppelt gemacht wird. Sicher profitieren von derWiederholung die schwächeren Schüler, die stärkeren jedochhaben keinerlei Chance zur Weiterentwicklung. Das ist unfair,nicht differenzierend und nicht individuell.
Warum ist die Verständigung unter Lehrern so schlecht?
Der Austausch unter Lehrkräften ist in kaum einem Land der Welt institutionalisiert; er findet, wenn überhaupt, in Pausen oder kurzen Gesprächen auf dem Gang statt. Vormittags ist dafür wenig Zeit, nachmittags arbeiten Lehrer in der Regel zuhause, haben Unterricht oder sitzen in Konferenzen.
Für den Austausch ist kein Zeitfenster vorgesehen, doch er sollte obligatorisch sein. Hinzu kommt die räumliche Distanz. Die ließe sich zwar mit Hilfe von Internet und Skype leicht überwinden,doch moderne Instrumente wie Videokonferenzen werden in Schulen bislang kaum genutzt. Lehrerverbände fordern angesichts dessen eine stärkere Vernetzung. Der "Okay-English-Webcoach" ist ein solches Netzwerk.
Was genau passiert da?
Seit vergangenem Jahr wird in Nordrhein-Westfalen in den ersten und zweiten Klassen Englisch unterrichtet. Die Lehrer können sich mit einem Webcoach selbstständig fortbilden. Unter der Internet-Adresse werden beispielhafte, methodisch geordnete, zwei- bis sechsminütige Filmsequenzen aus gelungenen Unterrichtsstunden gezeigt. So zeigt der elektronische Trainer derzeit mehr als 120 Kurzfilme, die unter anderem demonstrieren, wie der Lehrer mit einer Handpuppe seinen Schülern die Angst vor der fremden Sprache nehmen kann.
Für diese europaweit einzigartigen, virtuellen Kurzhospitationen werden Lehrkräfte gewonnen, die sich bei ihrer Arbeit im Unterricht filmen lassen. Interessierte Kollegen können hiererfolgreiche Methoden übernehmen, die sie sich sonst durch Versuch und Irrtum mühsam selbst erarbeiten müssten.
Theoretisches Material und Tipps zu weiterführender Literaturschließen jeden virtuellen Besuch bei den Kollegen und ihren Schülern ab. Mit dieser Plattform erhalten Lehrer eine Fortbildung, die von den jeweiligen Bundesländern unterstützt wird. Denn ganz nebenbei zählt der Server die Zeit, die der eingeloggte Lehrer in dem System verbringt, und stellt nach etwa drei Stunden ein Zertifikat aus. Das ist ein virtuelles Praktikum,das dringend nötig war.
Auto: Christian Gressner (für das Allianz Journal)
Veröffentlicht am: 22. April 2010