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Bevölkerungsexplosion: Wie man die Bombe entschärft

Viele Regierungen wenden unterschiedliche Strategien zur Familienplanung und Bevölkerungskontrolle an - mit oft völlig verschiedenen Resultaten. Lesen Sie, was funktioniert hat und was nicht.


Bevölkerungsexplosion: Wie man die Bombe entschärft

Menschen am Strand in Qingdao, China. In den 1970ern startete China die Ein-Kind-Politik. Trotz der - obgleich umstrittenen - Erfolge des Programms ist die Bevölkerung Chinas mittlerweile auf 1,3 Billionen Menschen angewachsen. (Foto: Reuters)

 

Wie heißt das einzige Land der Welt, in dem Paare vor der Hochzeit Unterricht in Sachen Empfängnisverhütung nehmen müssen? Die Antwort mag überraschen, aber es ist der Iran.

 

Die Mullahs sind sicher nicht die offensichtlichsten Verfechter von Kondom und Pille, doch sie haben das Thema Empfängnisverhütung erfolgreich propagiert, um das unkontrollierte Bevölkerungswachstum einzudämmen.

 

Nach dem Start einer Kampagne zur Familienplanung halbierte sich die durchschnittliche Kinderzahl einer iranischen Familie zwischen 1988 und 1996 von 5,2 auf 2,6. Die Regierung ermutigte die Frauen dazu, drei bis vier Jahren zwischen ihren Schwangerschaften abzuwarten. Frauen unter 18 oder über 35 Jahren wurde ganz vom Kinderkriegen abgeraten.

 

Religiöse Führer bestätigten den Frauen in entsprechenden Fatwas (religiöse Gutachten) ein Recht auf Geburtenkontrolle. Das machte den Weg frei für den Vertrieb kostenloser Verhütungsmittel durch ein landesweites Netzwerk von 15.000 „Gesundheitshäusern“ und ermöglichte zum ersten Mal in der muslimischen Welt die Sterilisation von Männern und Frauen.

 

Damit wandte der Iran genau das an, was ein Leitfaden für erfolgreiche Familienplanung empfahl, den Wissenschaftler im Jahr 2006 im britischen Medizinjournal ‚The Lancet’ veröffentlichten: „Legitimieren Sie die Idee moderner Familienplanung und kleiner Familien... bilden Sie eine breite Koalition von Unterstützern, darunter religiöse, weltliche und traditionelle Führer.“

 

Ebenso wichtig ist es, sozio-ökonomische und physische Barrieren abzubauen, die Frauen an der Selbstkontrolle über ihre Fruchtbarkeit hindern. Das bedeutet beispielsweise, mehr Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen zu schaffen und ihnen Alternativen zum Kinderkriegen zu bieten.

 

Enormer Unterschied: Bangladesch und Pakistan

Bangladesch ist eines der ärmsten und am dichtesten besiedelten Länder der Welt und hat ebenfalls von einer innovativen Regierungspolitik profitiert, sagt John Cleland, führender Autor der Lancet-Studie.

 

Seit Mitte der 70er Jahre verfolgte Bangladesch einen Gemeinde-orientierten Ansatz und rekrutierte verheiratete, alphabetisierte Frauen. Sie erhielten eine medizinische Grundausbildung, wurden in Familienplanung unterwiesen und gingen dann von Tür zu Tür, um die Pille und Kondome zu verteilen und Frauen über Empfängnisverhütung aufzuklären.

 

„Sie schlugen eine Brücke zwischen der modernen Welt der Medizin und der Dorfwelt“, sagt Cleland. „Weil sie alphabetisiert waren, stellten sie einen Teil der Elite dar, aber als Dorfbewohnerinnen waren sie in der argwöhnischen und sehr religiösen Bevölkerung anerkannt.“

 

Die Methode hatte Erfolg. Die Geburtenrate in Bangladesch halbierte sich von sechs Kindern pro Frau in den frühen 70er Jahren auf drei Kinder pro Frau heutzutage.

 

Im Gegensatz zu der breit angelegten Strategie in Bangladesch versuchte man es in Pakistan in den 60er Jahren mit nur einem Mittel der Empfängnisverhütung – der Spirale. Ärzte und Hebammen wurden dafür bezahlt, ihre Verwendung zu bewerben oder Frauen bekamen Geld, wenn sie sich eine Spirale einsetzen ließen.


Bevölkerungsexplosion: Wie man die Bombe entschärft

Infografik

Sehen Sie, wie die Geburtenrate in fünf Ländern zwischen den 1960ern und 2040ern gesunken ist bzw. sinken wird. (Grafik: Allianz)

 

„Das ganze Geld führte zu weitverbreiteter Korruption und gefälschten Zahlen, während es nicht genug medizinischen Beistand gab. Wenn die Frauen Probleme mit der Spirale hatten, konnten sie nirgends hingehen“, sagt Cleland. „Als man eine echte Studie durchführte, stellt sich heraus, dass niemand die Spirale benutzte.“

 

Wegen dieser Fehler, aber auch aus politischen Gründen verbot Pakistan das Bewerben von Familienplanung und strich in den 70er und 80 er Jahren die Gelder für ähnliche Projekte.

 

Vergleicht man die Resultate in Pakistan und Bangladesch, ist der Unterschied enorm: 1970 hatte Pakistan fünf Millionen Einwohner weniger als Bangladesch, doch bis 2050 wird das Land 62 Millionen mehr haben.

 

Kommando und Kontrolle: China

Obgleich effektiv, wurden Chinas Maßnahmen zur Geburtenkontrolle als drakonisch kritisiert, besonders die „Ein-Kind-Politik“. Die Geburtenrate ist in China auf heutzutage rund 1,7 Kinder pro Frau gesunken, allerdings auf Kosten der Menschlichkeit.

 

Die öffentliche Wut über den Einsturz von Schulen während des Erdbebens in Sechuan war umso größer, weil eine Reihe von sterilisierten Eltern ihr einziges Kind verloren hatten.

 

Während der 1970er Jahre begann China mit einer weitgehend freiwilligen und effektiven „Zwei-Kind-Politik“, auf den Punkt gebracht mit dem Slogan „später, länger, weniger“. Frauen bekamen später Kinder, warteten länger zwischen den Schwangerschaften und hatten insgesamt weniger Kinder.

 

Empfängnisverhütende Mittel waren allgemein erhältlich und die Geburtenraten gingen steil nach unten. Um diesen Effekt noch zu beschleunigen, führte die Regierung in den 80er Jahren die „Ein-Kind-Politik“ in städtischen Gebieten ein, hauptsächlich durch die Sterilisation von Frauen und den Einsatz der Spirale.

 

Die Gebrutenraten sanken weiter, doch wegen der kulturellen Bevorzugung von Jungen nahmen die Abtreibungen von weiblichen Embryos zu. Das führte in China zu einem in der Menschheitsgeschichte bisher nie dagewesenen Ungleichgewicht der Geschlechter.

 

Angesichts des Geschlechtergefälles und der Tatsache, dass die Bevölkerung rapide altert, überdenkt die Regierung ihre Politik jetzt, so David Phillips, Experte für Demografie an der Lignan Universität in Hongkong.

 

„Es gibt jetzt an sich vier Abstufungen“, erklärt er. „In Städten lautet die Politik ‚Ein-Kind’. In weniger dicht besiedelten Stadtgebieten können es ein bis zwei sein. In ländlichen Regionen kann man die Erlaubnis für ein zweites Kind bekommen, wenn das erste ein Mädchen ist. Außerhalb der Gebiete, in denen die Han-Chinesen leben, gibt es eigentlich keine Vorschriften. Und wenn zwei Einzelkinder heiraten, dürfen sie mehr als ein Kind haben.“

 

Nationale Fruchtbarkeits-Kluft: Brasilien

Andernorts sank die Geburtenrate auch ohne staatliche Intervention und moderne Empfängnisverhütung, zum Beispiel in Westeuropa zwischen 1880 und 1930. Sobald sie gebildeter und wohlhabender wurden, fanden Paare einfach selbst Wege, kleinere Familien zu bilden.


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Dasselbe geschah in den vergangenen Jahren in Algerien, Saudi Arabien und der Türkei, alles Länder ohne Programme zur Bevölkerungsentwicklung.

 

1960 hatten die Frauen in Brasilien durchschnittlich mehr als sechs Kinder. Bis 1985 verhinderten aufeinander folgende Militärregierungen jede Familienplanung. Trotzdem sank die Geburtenrate bis 1986 auf 3,5 Prozent. Das geschah mithilfe der Antibabypille, durch lokale Behörden und nichtstaatliche Organisationen, die Unterstützung bei der Familienplanung boten und durch Ärzte, die sich über die Gesetze hinwegsetzten.

 

Allerdings nicht überall. Es bildeten sich Unterschiede zwischen Reich und Arm, Stadt und Land, Gebildeten und Ungebildeten. 1986 war die Geburtenrate in ländlichen Gebieten um 66 Prozent höher als in den Städten.

 

Armut und Fruchtbarkeit sind eng miteinander verbunden. Das erklärt, warum viele arme Länder sich lieber auf Programme zur Familienplanung verlassen, als darauf zu warten, dass der Wohlstand wächst und die Bevölkerung auf natürlichem Weg, aber langsamer abnimmt. Der Iran ist also doch keine so große Ausnahme.

 

Autor: James Tulloch

Veröffentlicht am: 14. April 2009

 
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