Wie wird sich die Demografie der Schweiz in Zukunft entwickeln? Philippe Wanner, Professor für Demografie an der Universität Genf, erklärt, warum die Schweiz eine privilegierte Stellung in Bezug auf ihre demografische Zusammensetzung einnimmt und welchen demografischen Herausforderungen das Land entgegensieht.
![]() | Philippe Wanner, Professor für Demografie an der Universität Genf"Unser Bevölkerungswachstum ist für viele Bereiche eine Trumpfkarte." |
Die Schweiz war schon immer eine multikulturelle Nation – hilft das dem Land, mit der Globalisierung und den vielen Zuwanderern zurecht zu kommen?
Die Schweiz hat sich in der Tat rund um viele Sprachregionen und Religionen gebildet. Aber ist sie deswegen auch toleranter gegenüber ausländischen Einwanderern? Ist sie deshalb besser gegen die Herausforderungen der Globalisierung gewappnet?
Es ist nicht einfach, diese Fragen zu beantworten. Die Schweiz profitiert allgemein vor allem von einer sehr guten wirtschaftlichen Situation im Vergleich zu anderen europäischen Ländern. Das ist ein wichtiger Baustein, um den gegenwärtigen Herausforderungen zu begegnen.
Was ist das Geheimnis der Schweizer Stabilität und des Schweizer Wohlstands – trägt die demografische Zusammensetzung der Schweiz dazu bei?
Nein, die demografische Situation ist nur ein Punkt unter anderen, der den Wohlstand unseres Landes erklärt. Allerdings ist unser Bevölkerungswachstum für viele Bereiche eine Trumpfkarte.
Aber auch die Schweiz muss die Herausforderungen einer immer schneller alternden Gesellschaft angehen – wie auch alle anderen europäischen Länder – und das wird in Zukunft enorme Konsequenzen haben.
Wie wird sich die Demografie der Schweiz in den kommenden Jahren entwickeln?
Man erwartet, dass das Bevölkerungswachstum in den nächsten 20 Jahren anhalten wird. Die Schweiz ist derzeit eines der Länder in Europa, das von einer starken demografischen Dynamik profitiert, vor allem wegen der Migranten.
Sie ist aber auch eines der Länder in Westeuropa mit der niedrigsten Fruchtbarkeitsrate. Im internationalen Vergleich ist die Alterung der Gesellschaft hingegen in etwa durchschnittlich.
Was sind die größten demografischen Herausforderungen der Schweiz?
Die Herausforderungen der Bevölkerungsentwicklung stehen in Relation zu den beeinflussenden Faktoren Geburten und Zuwanderung. Im Hinblick auf den Geburtenrückgang wird es wichtig sein, dass eine effiziente Familienpolitik in Gang gesetzt wird, die es Eltern erlaubt, so viele Kinder zu bekommen, wie sie wollen.
Angesichts der starken Zuwanderung ist eine effiziente Migrations- und Integrationspolitik notwendig, vor allem im Hinblick auf den sozialen Zusammenhalt. Eine effiziente Steuerung der Familien- und Migrationspolitik erlaubt es, den künftigen Herausforderungen wie der Alterung in Teilen zu begegnen.
Auch in der Schweiz sinkt die Geburtenrate – Frankreich hingegen ist eines der wenigen Länder, in denen die Bevölkerung noch wächst. Kann die Schweiz den französischen Ansatz kopieren?
Die französische Familienpolitik entstammt einer historischen Tradition, der (politischen) Stabilität und der Alterung der Gesellschaft im Laufe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die demografische Debatte dieser Epoche war sehr lebendig.
Diese Debatte ist in der Schweiz praktisch nicht vorhanden, da das Bevölkerungswachstum derzeit jede Diskussion über die Notwendigkeit einer intensiven Familienpolitik zerstört.
Im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum ist kein Politiker verrückt genug, um Maßnahmen zur Unterstützung der Fruchtbarkeit zu verteidigen, die teuer und langfristig haltbar sind. Sie vergessen allerdings, dass die Kinder von heute die Erwerbstätigen im Jahr 2030 stellen, und dass es dann zu spät sein wird zu handeln.
Wie funktioniert das schweizerische Rentensystem?
Mit ihren drei Säulen (1. Staatliche Vorsorge AHV, 2. Betriebliche Vorsorge BVG und 3. Private Vorsorge. Die 1. und 2. Säule decken in etwa 2/3 des derzeitigen Einkommensniveaus ab. Zusätzlich mit der 3. Säule soll das derzeitige Niveau im Alter gehalten werden; Anm. d. Red.) ermöglicht das schweizerische System der Sozialvorsorge den Schweizer Rentnern, sich finanziell gut zu stellen.
Man hat allerdings erkannt, dass bestimmte Gruppen arm bleiben; vor allem die Rentner, die keine umfassende Vorsorge getroffen haben (Rentenkasse, Lebensversicherung), für die nun die Leistungen der Alters- oder Hinterlassenenversicherung sehr wichtig wären.
Man redet heutzutage viel von der Rekapitalisierung der zweiten Säule (berufliche Vorsorge). Man vergisst dabei aber, dass vor allem die Rente aus der staatlich finanzierten 1. Säule für die Mehrheit der Rentner die Haupterwerbsquelle darstellt.
Wird das System auch noch funktionieren, wenn die Gesellschaft altert, die Geburten zurückgehen und es mehr Rentner als Erwerbstätige gibt?
Experten tun sich sehr schwer, eine einhellige Antwort auf diese Frage zu finden. Man muss allerdings einräumen, dass die Schweiz in einer privilegierten Situation im Verhältnis zu den Nachbarländern ist, nicht nur wegen ihres Bevölkerungswachstums und wegen der starken Zuwanderung, sondern auch dank einer florierenden Wirtschaft.
Welche Maßnahmen müssten Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um der demografischen Entwicklung der Schweiz wirkungsvoll zu begegnen, so dass der Wohlstand und die Stabilität gesichert bleibt?
Eine Bevölkerungspolitik mit dem Zweck, die Bevölkerungsentwicklung zu beeinflussen, ist sehr teuer und nicht immer effektiv.
An erster Stelle, bevor man sich überlegt, welche Maßnahmen nützlich wären, müsste man eine Debatte über die demografische Entwicklung der Bevölkerung mit der Öffentlichkeit und Entscheidungsträgern der Politik beginnen. Zudem muss die Bevölkerung für diese künftigen Herausforderungen stärker sensibilisiert werden.
Das Interview führten: Bernd de Wall / Miki Yokoyama
Veröffentlicht am: 6. Juli 2009